Deisterstürme-r 

 

Nur wenige zehn Kilometer unter dem, was wir festen Boden unter den Füßen nennen, brodelt das irdische Höllenfeuer. Gestein ist dort unten glutflüssig und alles Glutflüssige wird durch Konvektionen des noch heißeren Erdinnern immer aufs Neue erhitzt, umgewälzt und ist so in unablässiger, erzwungener Bewegung. Das, was heute Oberfläche heißt, kann später wieder nach unten gezerrt, aufgeschmolzen und dadurch erneut Teil des Kreislaufs dieser gigantischen Wärme- und Materialtransportmaschine werden. Diese unvorstellbaren Kräfte sind es, die die Erdkruste wie Eisschollen auf einem See, auf dem schweren, flüssigen Erdmantel manchmal rund um den Globus driften lässt. Im Erdaltertum trieben, so wie heute an anderer Stelle, langsam, zentimeterweise im Jahreslauf, kontinentgroße Erdkrustenteile unaufhaltsam aufeinander zu und prallten schließlich zusammen: Ein Superkontinent war geboren.

An seinen Kollisionskanten wurde Gestein, das nicht in die Tiefe gezogen wurde, gefaltet, nach oben gepresst und bildete gewaltige Hochgebirge, die dem des heutigen Himalaya mit seinen Achttausendern gleich waren. Eines dieser Hochgebirge reichte von Schottland über die Ardennen, den Harz bis zum Erzgebirge. Noch während sich die vergletscherten Gipfel höher und immer höher in den uns fremden Himmel des Erdaltertums mit ihren Flugsauriern erhoben, setzte die Erosion ein und begann das gerade Erschaffene durch Abtragung schon wieder zu zerstören.

Und je höher die Berge wuchsen, umso schneller schritt die Erosion voran und schließlich gewann sie den Kampf zwischen Entstehen und Vergehen. Übriggeblieben von den gigantischen Gebirgszügen sind sanft gewellte Mittelgebirge, von denen wir heute eines davon als Deister bezeichnen, der mit seiner gegenwärtigen Höhe von 405 Metern über NN in wenigen Jahrmillionen ganz verschwunden sein wird.  Dann wird auch der Mensch verschwunden sein und neue Meere werden an Hügel branden, die der ehemalige Deister war und sie schließlich überfluten, so, wie das jetzt schon mit den Hügeln der Doggerbank in der Nordsee geschehen ist. Vielleicht werden dann fremdartige, fischartige Wesen, die nur noch entfernt erahnen lassen, dass sie aus den untergegangenen Menschen hervorgingen, in den Resten alpiner Größe schwimmen.

In diese  geologische Zwischenstufe - den Deister - mache ich mich  mit meinen Autorenfreunden Heinrich und Hermann Grau auf, um den Nordmannturm auf dem Kamm dieses jäh aus der norddeutschen Tiefebene aufsteigenden Höhenzuges zu besuchen.

Weil Schuhe beim Wandern in erdgeschichtlich so bedeutsamem Gelände ein wichtiges Ausrüstungsstück sind, widme ich ihnen entsprechend viel Beachtung in dieser kleinen Reiseerzählung.

Heinrich und Hermann als erfahrene Wanderer bevorzugen selbst hier im niedrigen Deister Wanderstiefel, die sogar einen Test jenseits der Frostgrenze in 3000 m Höhe bestehen würden. Es herrscht die Devise: Sicherheit geht vor. Jeder Schuh zu seiner Zeit an seinem Fuß!

"Fürs Bett die Nachtschuhe, der kalten Füße wegen", spotte ich lachend. "Zuhause Filzpantoffeln, die schnell abzuwerfen sind, wenn die Freundin unverhofft vor der Tür steht. Zum Kirchgang die Sonntagsschuhe, weil es sich so gehört und zur monatlichen Autoren- Arbeitssitzung die Schuhe, die man irgendwo im Keller findet, weil beim Treffen die Aufmerksamkeit dem gesprochenen und geschriebenen Wort gilt und niemand auf die Fußbekleidung achtet.

Aus genau diesem Grund - nur umgekehrt - trägt man beim Wandern grobstollige Bergschuhe, egal ob der Berg nun Gebirge oder Eiszeitmoräne heißt." Doch immer zieht man solch spezifischen Schuhe erst unmittelbar vor Beginn der jeweiligen Nutzung  an.

Für die An- und Abfahrt - genau genommen, für den Graubereich zwischen Kultur und Natur -  lieben meine Mitwanderer gediegene Eleganz an den Füßen. Mir war anfangs nicht klar, warum sie so handeln. Erst später durchschaute ich ihre Beweggründe, die sie zu einem Schuhwechsel zwingt. Sie wollen vorbereitet sein auf das, was eine Wanderung überhaupt erst zum Erlebnis macht: Das von kulinarischen Erwartungen bestimmte Überschreiten der Schwelle zum Inneren eines jener Esstempel, die abseits grüner Wälder und ockerfarbiger Felsen mit kühlem Bier und Hochprozentigem Feuerwasser locken. Dort, wo großer Wert auf Etikette und gute Manieren gelegt wird, gäbe es nichts Schlimmeres, als inmitten gutgekleideter, sich gedämpft unterhaltender Gäste bei leiser Hintergrundmusik, durch schmutzige Schuhe aufzufallen. Ganz übel wäre es, vom Personal als zwar nette, reichlich Trinkgeld spendierende, aber ungepflegt wirkende Waldschrats angesehen zu werden.

Ich selbst trage "Sowohl als Auch Schuhe." Deshalb habe ich immer Schuhputzzeug im Wagen. Meine Schuhe ziehe ich zuhause an- und wieder aus, es sei denn, ein Stein findet den Weg vom Wanderpfad ins gepolsterte Innere und zwingt mich zum Handeln.

"Sowohl als Auch Schuhe" sind praktischer, weil ich in ihnen leichtfüßiger bin. Darin liegt ihre eigentliche Stärke. Meine beiden Mitwanderer, die man auch ohne zu übertreiben "Deisterstürmer" nennen könnte, sind mir konditionell überlegen, und um im Bezwingen der Naturpfade unter himmelstrebenden Buchenbäumen nicht abgehängt zu werden, bin ich gezwungen, auf das Hilfsmittel  "Sowohl als auch Leichtlaufschuh" zurückzugreifen.

Wandern verbindet und schärft den Blick. So kommen viele Eigenheiten der Menschen ans Licht, die sonst unbeachtet blieben. Zum Beispiel das schon erwähnte, ewig gleiche Ritual des Schuhe Wechsels. 

Hermann benutzt dazu am liebsten einen Felsen. Doch auch eine Bank verschmäht er nicht und ob er sogar die Stoßstange eines Autos mit Ausnahme seiner eigenen benutzen würde, bleibt abzuwarten. Jedenfalls hebt er dazu sein Bein. Zuerst immer links. Dann wechselt er den linken Schuh, der, der dem Herzen am nächsten ist, weil Schuhe und Schuhe wechseln für ihn offenbar eine Herzensangelegenheit ist. Doch zuvor zieht er sein Hosenbein hoch bis an die Oberkante Socken, um den Hosen Stoff erst dann, wenn der Schuh wirklich "sitzt", vorsichtig, jeweils  innen und außen von Daumen und Zeigefingern gehalten, zurückzuschieben und das Ganze anschließend glattzustreichen, um damit wenigstens einen Hauch von gebügelter Hose vorzutäuschen.

Für das Schnürband bevorzugt er aus Gründen der Ökonomie Haken. Ansonsten verhält er sich unauffällig und nimmt sich, nachdem  er fertig ist, den zweiten Schuh vor. Sind die Schuhbänder festgezogen und sorgfältig so zu Schleifen verschnürt, das alle 4 Schlaufen perfekt den gleichen Radius aufweisen, richtet er sich auf und sein strahlendes Gesicht verkündet: "Ich bin startbereit", und der folgende, leicht vorwurfsvolle Blick auf Heinrich scheint zu fragen? "Warum dauert bei dir alles so lange?"

Alles hat seinen Grund. Heinrich denkt nicht daran, für derart simple Vorrichtungen wie das Schuhe wechseln sein Bein zu heben.

Bodenständig wie er ist, bleibt er mit beiden Beinen auf der Erde mit der Konsequenz, die Schuhe sportlich wechseln zu müssen, weil er sich bücken muss. Er selbst bewegt sich zum Schuh und nicht, wie bei Karlfried, der Schuh zu ihm.

Das ist berufsbedingt, erklärte mir ein befreundeter Psychologe in einem späteren Gespräch. Seine Herkunft als kleiner Landwirt zwänge ihn, die sportliche Schuhwechselmethode zu wählen. Der Erde eng verbunden, ging er zeitlebens zum Acker, weil eben der Acker nicht zu ihm kam - und so ist es geblieben. Er will es so, und deshalb beugt er sich auch heute noch zur Erde nieder, der er so viel zu verdanken hat und auf der er weiterhin seine Schuhe stehen sehen will. Es ist sein Wille; er will sich so und nicht anders dem Boden des Deisters nähern, ihn riechen, ihn schnuppernd erfassen, die Aromen in sich aufnehmen, speichern und sich vom Duft der Erde  einstimmen lassen auf eine Landschaft, die sich ihm so ganz anders mit ihren Gerüchen darstellt, als der ihm geläufige Rübenboden.

Im Grunde nimmt er Witterung auf. Deisterwitterung. Er scheut niemals davor zurück, sich krumm zu machen, um - wie beschrieben - mit der Nase der Erde und auch den Schuhen nahezukommen. Dieses sich bücken wollen ist ihm einiges wert, notfalls sogar die prall gefüllte Geldbörse zu verlieren, die ihm dabei aus der Gesäßtasche zu gleiten droht.

"Ein guter Beobachter sieht am Zustand der Schuhe, mit wem er es zu tun hat", behauptete einst Honore' de Balsac, und ich stimme ihm ohne Abstriche zu.

Heinrichs Schnürbänder sind - ich hatte nichts anderes erwartet - rund, frei von Knoten und laufen konservativ durch oben liegende Löcher, so wie es schon die Urväter des Schuhwerkes, die Neandertaler handhabten, was aber Nachteile bei regnerischem Wetter hat, denn die eingelegte Zunge kann nur bedingt die Nässe abhalten.

Es gibt noch mehr Unterschiede. Herrmann zieht immer zuerst den rechten Schuh an. Das ist kein Zufall sondern Langzeitbeobachtung. Anders ausgedrückt: Der Weg, einen Wanderschuh ans wanderwillige Bein zu fesseln, erfolgt bei ihm von rechts nach links, führt jedoch, wie bei einem Linksschreiber mehr Zeit erfordernd, zum gleichen Ergebnis. Allerdings mit dem Nachteil, den schon erwähnten "bösen Blicks" von Hermann in Kauf nehmen zu müssen.

Doch genug der Schuhe. Nutzen wir sie und machen wir uns in ihnen auf den Weg zum Nordmannsturm, bevor der Tag zu weit fortgeschritten ist.

Fritz ist wie immer unser Scout und führt uns auf einen Weg, den Wanderer eher selten, Wildschweine aber umso öfter betreten mögen. Tief sinken seine Wanderschuhe in das Kraut von Heidel- und Preiselbeeren ein und meine "Sowohl als auch Leichtlaufschuhe" versinken im Matsch unter dem Kraut und saugen sich voll Wasser. Das verschweige ich meinen Mitläufern, denn ihren vielleicht schadenfrohen Kommentaren will ich mich nicht aussetzen. Immerhin, nach gut 200 m endet der Wildschweinweg. Herrmann schiebt seine Mütze in den Nacken, schaut um sich, denkt nach und kommt zu dem Schluss, wir hätten den falschen Weg gewählt. Das ahnte ich, aber folge ihm gern, weil ich rechts von uns Autogeräusche höre und nach einer 90 Grad Wendung, stehen wir kurz darauf auf der Straße, die wir vorhin heraufgefahren sind.

Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, beginnt tatsächlich der eigentliche, der richtige Wanderweg und es ist bestenfalls ein mittelmäßiges Vergnügen, den mäßig ansteigenden Forstweg im lebhaften Gespräch, stoßweisem Atem und nassen Socken zu erklimmen. Das alles dauert wohl eine gute Stunde und Unsicherheit kommt darüber auf, ob wir den richtigen Weg gewählt hatten. Und gerade, als dichte, unsere Orientierung bedrohende Nebel das Tal herauf wallen, uns selbst, den Weg und alles um uns herum in wattigem Grau zu verschlingen beginnen, greift Unsicherheit über unseren Standort mit kalten Fingern nach uns, die bald in ernsthafte Zweifel umschlägt.

Wir bleiben stehen. Und verwaschen im grauem Nichts, einem Leuchtturm auf hoher See vergleichbar, der den Seemann von seinen Ängsten befreit, weil er im grauen Nass nicht weiß, wo er sich befindet, weil alles sich Bewegende um ihn herum unsichtbar ist und dadurch gefährlich wird, steht plötzlich, zuerst gar nicht als solcher wahrgenommen, am Wegrand ein vielarmiger Wegweiser. Mit "gestrecktem Arm" scheint er darauf hinzuweisen und so soll es ja auch sein: "Ja, geht nur, ihr seid auf dem richtigen Weg. Dorthin, ja, da hinauf müsst ihr wandern. Es sind nur noch anderthalb Kilometer. Geht nur hin! Für drei Kerle wie ihr, ein Nichts."

Wir gehen, und um die nächste Wegbiegung schält sich aus dumpfen Grau - das hat der Wegweiser verschwiegen - strukturlos zuerst, dann Kontur annehmend, eine roh gezimmerte Wanderhütte. Und davor steht ein riesiger, in der Nässe tropfender Findling, der als  unzerstörbarer Tisch gedacht ist. Auf ihm breiten wir trotz der Nässe unsere Brote aus.

Dann, als wären wir nicht schon genug verwöhnt worden vom Auftauchen der nicht erwarteten Schutzhütte und dem Mut machenden Wegweiser, bricht auch noch die Sonne durch die Wolken. Sie taucht die unter uns liegende Landschaft, in denen nur die Kronen der Bäume aus dem wabernden Grau wie schwarze Geisterfinger herausragen in von Nebelfetzen zerrissenes, flackerndes, diffuses Vorfrühlingslicht.

Dann siegt die Sonne endgültig über die Düsternis. Ein Foto zum Abschied und schon sind wir wieder unterwegs. Die Brotzeit tat uns gut, hat uns gestärkt und wer meint, ein satter Mensch läuft nicht gern, mag recht haben. Das trifft nicht auf Kletterer zu.

Der Berg ruft! Die Felsen, die rechts voraus in den nun einigermaßen sonnigen Himmel ragen, können nicht ganz mit Alpenwänden mithalten. Das kalkulierbare Risiko aber reizt die Deisterstürmer. Doch  mehr noch das unkalkulierbare Abenteuer, die Lust, der sich bietenden Gefahr zu begegnen und sie zu bewältigen. Ist es nur die Brotzeit, die mit ihrem Energieschub den plötzlich aufflammende Tatendurst ausgelöst hat? Nein, es ist mehr. Es ist genau das, was schon Kolumbus in die Welt des Unbekannten trieb und es ist das, was uns immer tiefer und tiefer in den Weltraum vorstoßen lässt ungeachtet der entstehenden Kosten. Es ist dieses Undefinierbare, das, was im Wesen des Menschen liegt. Es ist sein erstaunliches Abenteuerbedürfnis, das jeden Moment hervorbrechen kann und bei den Deisterstürmern in genau dem Moment des Sichtbarwerdens himmelhoch reichender Felswände, sein Ventil gefunden hat.

Diese, an die stürmische Jugend erinnernde Energie muß vernichtet werden und was wäre besser dazu geeignet als eine Felswand zu besteigen? Ihre Hoffnung, auf der Oberkante ein Edelweiß zum Beweis ihres Mutes der Liebsten mitzubringen, verleiht ihnen zusätzlichen Schwung. Hermann meint, in jüngeren Jahren wäre er viel in den Hochalpen gewandert und so vorbelastet stürmen sie, taub für meine mahnenden Worte, in die Wand, steigen auf, rutschen ein Stück zurück um dann doch wieder mit gewaltigem Kraftaufwand sich weiter nach oben ziehend und vor Anstrengung zitternd, kurz auf einem Felsklotz auszuruhen. Weiter, nicht aufgeben. Hermann tritt ins Leere. Loses Geröll poltert in einer Staubwolke knapp an Heinrich vorbei, der hinter Hermann klettert. Doch gelingt es ihnen immer wieder - und manchmal im letzten Augenblick wie mir scheint - sich an irgendetwas festzukrallen, was nicht immer Felsen ist, sich wegzuducken vor dem, was hart von oben kommt. Nochmals rutscht Schutt an Heinrich vorbei zu Tal. Hermann hat sich sicherheitshalber in einer Felsspalte verkantet und mit der zweiten Hand eine Kiefernwurzel gepackt. Und erst, als die herausragende Wurzel und der mit ihr verbundene Baum die Kletterer nicht mehr halten kann und droht, aus seiner Felsnische gerissen zu werden steigen sie ab, weil der Berg im Begriff ist, die Deisterstürmer abzuschütteln.

Der weitere Aufstieg zum Annaturm erfolgt wieder auf gangbaren Wegen. Wunderlich geformte Steine säumen den Weg und gleich darauf weckt ein weiterer Wegweiser unsere Neugier.

"Alte Taufe" steht dort und sein Arm weist auf einen kaum begangenen Pfad, der abseits des bequemen Forstweges durch verblocktes Gelände führt. Farne, Moose, braunes Laub, winterharte Pilze und verwitternde Baumstubben bedecken den glitschigen Felsboden und inmitten dieser feuchten Natur wird bald darauf ein unförmiger Findling, "Die alte Taufe" sichtbar, die tatsächlich an ein riesiges Taufbecken erinnert.

Wenn schon ein Taufbecken im Wald auftaucht, wäre es verwerflich, dieses nicht zu nutzen. Aber es muss ein Täufling her. Ich scheide aus, weil ich den denkwürdigen Augenblick fotografieren muss. Heinrich würde gerne als "Deistertäufer" in die Deistergeschichte eingehen und so bleibt nur Hermann übrig, der nicht abgeneigt ist, die erhitzte Kopfhaut nach dem Abenteuer in der Steilwand mit einer Handvoll kaltem, heiligem Deisterwasser kühlen zu lassen.Heinrich seinerseits nimmt aus Respekt - nicht um damit Wasser zu schöpfen -  vor diesem feierlichen Augenblick die Mütze ab und beweist uns damit unbewußt seine Kompetenz, derartige Handlungen souverän und mit dem nötigen Ernst durchzuführen. Seine Nähe zu Theologie und Gesellschaft und seine gleichzeitig kritische Auseinandersetzung damit zeigen dabei überdeutlich seine unentwegte Beschäftigung mit den Riten und Gebräuchen des Altertums.

Dann fegt, wie bestellt, plötzlich stürmischer Wind den Hang herauf, biegt die Buchen und Eschen bergwärts und das anschwellende, immer lauter werdende Rauschen der Luft, die sich in den Bäumen fängt, trägt Musikfetzen von Wagner aus der Ouvertüre des Tannhäuser mit sich den Berg herauf, die wohl zu irgendeinem Jubiläum im Tal von einer Kapelle gespielt wird. Eine Musik, die mit ihrer an- und abschwellenden Lautstärke, für Sekundenbruchteile nah und im nächsten Moment kaum noch und dann wieder verschmiert, verwaschen, schwankend wahrnehmbar vom Wind umschlungen und mit ihm verwoben, die mystischen Handlungen am Tauf- und Blutbecken noch geheimnisvoller werden lässt. Heinrich vergisst nicht, im musikunterlegten Rauschen des Waldes in kurzer Ansprache zu erwähnen,  dass dieses Taufbecken in alter Zeit Hinrichtungsstätte war und die Vertiefung mit ihrer mittigen Rinne lediglich dazu bestimmt war, das Blut, das unvermeidlich beim Abtrennen des Kopfes vom übrigen Körper des Delinquenten austrat, aufzufangen. Diese Stätte des Grauens erhellt er nun durch seine symbolische Handlung und verleiht ihr wieder etwas Freundliches im dunklen Grün des Grauens.

Es ist nicht mehr weit bis zum Nordmannturm. Und es passiert nicht mehr viel auf diesem letzten Teilstück. Plötzlich haben wir unser Ziel erreicht. Ein an ein Waldschlösschen erinnerndes Gebäude empfängt uns. Das ist gut. Die Energie der letzten Brotzeit ist verbraucht und so sind wir froh, dass das Restaurant geöffnet ist. Drinnen ist es voll und wir belegen die letzten drei freien Plätze am Rande der Gaststube. Es ist kein feines Haus, sondern besticht durch Einfachheit. Auf unsere schmutzigen Schuhe achtet niemand. Im Gegenteil, hier gehören sie dazu. Es gibt auch keine gedämpfte Hintergrundmusik. Hier singt der Gast selbst und weil alle Gäste sangesfreudig sind, kann man nicht vermeiden, gelegentlich leise summend in die alten Volkslieder einzustimmen.

Bei einem "Hoch auf dem gelben Wagen", den die sangeslustigen Wanderer an den Nachbartischen unter lautem Lachen der Sängerinnen gleich mehrfach anstimmen, bei "einem Brünnlein vor dem Tore", und "Schwarzbraun ist die Haselnuß", stoßen wir, müde geworden von frischer Luft, von Nebel, Hochgebirgskletterei und mystischen Handlungen am Naturtaufbecken miteinander an und trinken den gelben Gerstensaft ex. Dann, bevor das Gleiche zum zweiten Male passieren kann, wird schon das deftige Menue aufgetragen, das ich, der Kaffee über alles liebt, mit diesem belebenden Getränk veredele.

 

Dann prosten wir uns wieder zu, werden dabei immer lustiger und passen uns nahtlos der sangesfreudigen Umgebung an.

Ein "Hoch nicht nur auf dem gelben Wagen", sondern auch auf " die der schwarzbraunen Haselnuß", ein dreifaches Hoch auf die Küche, das ganze Restaurant, auf unsere Wanderung und auf die ganze Welt mit ihrer brodelnden Lava unter unseren Füßen und ein donnerndes, dreifaches Hoch auf den Nordmannsturm", der uns mit so viel Bier im Bauch nun plötzlich unbesteigbar erscheint.