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10/2017


Eine fast vergessene Kunst - der Brief

 

Der letzte Brief dieses Jahres war ein Leserbrief. Er kam mit der "Deutschen Schneckenpost." Ich habe ihn gut weggeheftet und bewahre ihn als etwas Besonderes, als selten gewordenes Juwel auf.

Mit E-Mails gehe ich anders. Sie sind "Massenware." Ihre Informationen sind meist knapp und sachbezogen. Mails sind so getrimmt worden, bis sie "stimmen." Bis auch der letzte Rest menschlicher Wärme der Sachlichkeit zum Opfer gefallen ist. Ich weiß, Mails haben ihre guten, schnellen, unkomplizierten Seiten - Trotzdem, ich mag sie nicht wirklich.

Ihnen fehlt, was den "richtigen", den handgeschriebenen Brief auszeichnet: Das Leben, das ihn erfüllt. Menschliches Leben. Nur der handgeschriebene Brief lässt das Denken und Fühlen eines anderen in-  und oft auch zwischen den Zeilen - erkennbar machen. Seine überlegt gesetzten Zeilen lassen uns nachdenken über das, was der Absender versucht, uns zu sagen. Und "irgendwie" - ich weiß nicht WIE - spiegelt sich das Gedachte des Schreibenden dann im Charakter des Geschriebenen wieder.

Oft sieht man dem wirklichen Brief an, dass der Verfasser sich Gedanken darüber gemacht hat, was er uns mitteilen wollte. Geschrieben ist geschrieben, mag er gedacht haben und auch, dass "Verbessertes" schlecht aussieht. Tut es das? Nein, im Gegenteil! Gerade das Verbesserte, das Durchgestrichene, das nachträglich auf die Ränder Geschriebene beweist mir als Empfänger durch die Einfachheit, dass es dem Absender wichtig war, etwas noch klarer darzustellen. Durchgestrichen, drunter geschrieben, eingefügt - lebendiger geht es ja gar nicht, und solche Briefe werden für mich zu den einzigartigsten Dokumenten menschlichen Denkens und Mitteilens überhaupt.

Menschliche Verbundenheit strahlt ein echter Brief schon in dem Moment aus, wenn der Empfänger den Briefkasten öffnet, den Umschlag zwischen der Flut von Werbung als etwas Besonderes, Persönliches wahrnimmt, ihn in die Hand nimmt, betrachtet, auf den Absender schaut und das Wesen des dahinter stehenden Menschen zu erfühlen beginnt. Des Menschen, der einen Teil seiner Lebenszeit dem Empfänger gewidmet hat, um ihm mit seinem "Handgeschriebenem" auf seine ureigene, selten gewordene Art, Mitteilung zu machen.  

Warum wird nur noch so selten geschrieben? Ist es die Angst des Absenders vor dem leeren Blatt? Ist es unbequem, Gedachtes auf's Papier zu formen anstatt in den PC zu tippen? Ist "Handgemachtes" zu langsam, zu zeitraubend? Oder fehlt nur die Briefmarke? Ist es das mächtige Telefon, dass uns vom Briefeschreiben abhält, dessen gesprochenes Wort aber oft schon vergessen ist, bevor der Hörer wieder aufgelegt wurde?

Ich glaube, alles trifft zu. Es ist die Gesellschaft selbst, die in unserer sich immer verrückter drehenden Welt mit ihrem Zwang zu Zeitersparnis und sich so von selbst einstellender Oberflächlichkeit den langsamen, aber inhaltlich mit nichts zu vergleichenden Brief zur Seltenheit macht.

Ich telefoniere viel. Doch kein Gespräch kann sich mit dem Zauber eines handgeschriebenen Briefes messen, den dieser schon vor dem Öffnen ausstrahlt. Ein Dokument, das ich, so wie ein Buch, immer wieder in die Hand nehmen und in ihm lesen und deuten kann. Die Weihnachtszeit bietet sich an, gedanklich Vorgeformtes handgeschrieben zur Vollendung zu bringen. Das, einem Umschlag anvertraut und einem Geschenkpäckchen nicht unähnlich, dem Empfänger beim Öffnen des Briefkastens das gleiche Kribbeln bescheren wird, welches Kinder beim Erscheinen des Nikolaus verspüren.