Vom der Freude des Lernens. 

 

Leben bedeutet Lernen, ob man will oder nicht. Neue Forschungen belegen sogar, dass Lernen sich nicht nur auf biologisches Leben beschränkt. Das erwähne ich aber nur der Vollständigkeit wegen. Ich versuche, das Lernen in der uns bekannten Art nur kurz anzureißen, weil das, was sich in unserem Kopf abspielt, bisher die Wissenschaft nur unvollständig entschlüsselt hat. Und in dieses Geflecht von Nervenverbindungen und Nervenfortsätzen - die ja die eigentlichen Lernmaschinen darstellen - begebe ich mich nicht. Ich würde mich darin hoffnungslos verlaufen. Doch man kann die Außenwelt beobachten und aus den Abläufen seine Schlüsse ziehen - und schon hat man, ohne es zu bemerken, dazu gelernt.

Ich habe mühsam gelernt, die nötige Geduld aufzubringen, um zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort das zu tun, was ich mir vorgenommen hatte. Ungeduld gefährdet jeden Plan. So hielt ich es auch bei der Anschaffung unserer neuen Katze. Ich wartete. Zwei Tage vor dem Heiligen Abend meinte ich, dies sei der richtige Zeitpunkt und schenkte meiner Frau "MEIN" neues Haustier, nachdem wir zwei Jahre "tierlos" waren. Meine Frau machte ein süß-saures Gesicht, hielt sich aber mit Kritik zurück, weil niemand ein Tier kurz vor Weihnachten zurück ins Tierheim bringt! Mittlerweile sind wir gute Freunde geworden. Ich habe - durch tiefe Kratz- und Bissspuren an den Händen - schmerzhaft lernen müssen, richtig mit der Katze umzugehen und ihre Sprache zu verstehen. Die ist simpel und besteht aus dem Klappern mit der Futterdose...

Lernen ist angeborener Instinkt und es macht Spaß, dazu zu lernen. Doch oft genug wird uns das Dazulernen ausgetrieben, weil der natürliche Spaß daran zur Pflicht, zum Muss verkommt und durch starre Disziplin und Bevormundung ersetzt wird. Kein Wunder also, wenn sich so viele junge Leute dagegen mit aller Kraft sträuben und Lernen als Kapitulation des eigenen Willens vor einem äußeren Zwang ansehen. Ganz schlimm wird es, wenn diese Erfahrung - die ja selbst das Produkt eines Lernprozesses mit negativen Vorzeichen ist - das ganze Leben lang anhält.

Und so ist es für mich überhaupt nicht verständlich, wenn dieser angeborene Instinkt des  Vergnügens am Lernen, so oft in die falsche Richtung gelenkt wird und niemand da ist, der es  bemerkt.

Ich erinnere mich an die eigene Schulzeit. Für Physik war ich zu jedem Opfer bereit. Sogar dazu, mich für Mathe zu interessieren. Auf diese eine Physikstunde wartete ich eine ganze lange Woche - gespannt wie ein Bogen auf das Neue - und wurde enttäuscht, weil die Lehrerin Physik ausfallen ließ und Mathe paukte. Ich protestierte auf meine Weise, indem ich "abschaltete" und sie bemerkte nicht, wie sie mir damit schadete und ich mir selber noch mehr. Das Versäumte habe ich später ohne Begeisterung im wesentlichen nachgeholt, aber die tiefsten Gründe der Mathematik blieben mir für immer verschlossen, weil meine Begeisterung für ein anderes Fach "mit Füßen getreten" wurde.

Die Begeisterung ist es, die Lernen zum Kinderspiel macht! Nicht umsonst sind kleine Kinder geradezu verzückt, wenn sie Neues erlernt und damit Erfolg haben. In ihnen lebt noch die Begeisterung für das Entdecken. So wie bei Archimedes, als er das spezifische Gewicht entdeckte, indem er im Bad die eigene Wasserverdrängung beobachtete. Glaubt man den Überlieferungen, sprang er auf und schrie vor Freude: "Heureka, Heureka - ich hab's gefunden!"

Warum sollte diese Freude am Entdecken und damit am Lernen bei älteren Menschen verkümmert sein, wie so oft behauptet wird? Die Behauptungen sind nicht aus der Luft gegriffen - schaut man sich um - und so bleibt die Frage offen, was dazu geführt hat, dass es trotz der Freude, die Lernen auslösen kann, so viele abgestumpfte, interessenlose, im Denken verhärtete, schmalspurig handelnde Menschen gibt? Ich lasse die Frage offen...

Aber eines ist sicher:

Keinem wirklich Lernbegierigen jeder Altersklasse sind je die Themen ausgegangen! Und so ersetze ich die "Freuden" des Lernens aus der Überschrift ganz bewusst durch das Wort "Glück." Weil das Wort zutreffender ist und ich davon überzeugt bin, dass derjenige am glücklichsten und vielleicht auch am längsten lebt, der sich das Glück des Lernens verschafft hat - und sich erhält.  

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