Der Sommer der Kinder


Es ist Sommer! Schon am Morgen hängen die „gassigehenden Hunde“ hechelnd ihre Zungen heraus und dürften die Hundehalter das auch, ich glaube, sie würden es ihnen nachtun. Am Nachmittag sinke ich, von der Hitze ermattet, auf einen Gartenstuhl und denke an mein klimatisiertes Büro. Soll ich dorthin fliehen, wo ich den Sommer ausgesperrt habe? Nein! Zu kurz ist die Sommerzeit und vielleicht peitschen schon nächste Woche Regenböen die Bäume des Gartens.

Lieber sehe ich meinen Enkeln zu, die - fast nackt – wie entfesselt durch den Sprühregen des Rasensprengers hüpfen. Sie sind nass wie Teichfrösche, aber viel lauter und springen doppelt so hoch. Sie brauchen keine Klimaanlage. Kinder genießen den Sommer so, wie er ist.

Am liebsten würde ich es ihnen nachmachen und mit ihnen durch den künstlichen Regen springen. Doch das sähe in meinem Alter komisch aus und so schmore ich – jeder Logik zuwider - weiter auf meinem Gartenstuhl. Dabei frage ich mich, ob es nicht besser wäre, im Sommer die „gesellschaftlich erzwungene Verklemmtheit“ in die Ecke zu stellen und so – wie die Kinder - dem Verstand zu gehorchen.

Kinder schütteln jede Art von Konvention ab, die drückender sein kann als die schlimmste Sommerhitze. Dann laufen sie herum, wie es für sie angenehm ist und treiben jede Menge erfrischenden Unfug – den wir als Erwachsene gern nachmachen würden, wenn uns nicht die mit zunehmenden Lebensjahren immer enger einschnürende Etikette davon abhielte.

Kinder dagegen lassen sich vom Instinkt leiten. Achtjährige brauchen kein Handbuch für sommerliches Leben, um sich Abkühlendes auszudenken. Sie wissen es von Natur aus. 

Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie ihre Sommerzeit erlebten? Vielleicht gingen Sie – so wie wir als Kinder - barfuß zum Kaufmann, um ein Eis am Stiel zu holen. Vielleicht spürten auch Sie, wie das heiße Pflaster die Fußsohlen verbrannte. Für uns war das wichtig, denn dabei fühlte man die Kälte des Eises umso prickelnder! Und rutschte das letzte Stückchen Eis vom Stiel ab, verrieb man den Rest vom Schokoladenüberzug im Hemd zum Mondgesicht, wenn man überhaupt eins trug.

Man kann auch – sogar im fortgeschrittenen Alter - das alte Schlauchboot aus dem Keller zerren, mit Wasser füllen, sich auf den Sitz setzen, die Füße ins Wasser stellen und versuchen, ein Buch zu lesen. Sind aber Kinder in der Nähe, klappt das nicht. Dann werden sie „Boot spielen“ wollen. Als Erwachsener sitzen Sie dann schnell wieder auf dem Trockenen und dürfen höchstens noch die fehlenden Paddel aus dem Keller holen, damit das „Boot spielen“ möglichst echt wird.

Ein großer Hund ist ideal, um die Hitze erträglich zu machen. Von Zeit zu Zeit spritzt man ihn mit dem Gartenschlauch nass und stellt sich daneben, wenn er sich schüttelt. Jeder Hund fühlt sich geschmeichelt, wenn er einem Kind diesen kleinen Gefallen tun darf.

Während ich den Kindern zuschaue, zieht vom Nachbargrundstück der schwere Duft blühenden Jasmins herüber und mischt sich mit dem Geruch frischen Heus. Es ist, als atmete ich den Duft der Sommer meiner eigenen Kindheit. Am liebsten möchte ich den lästigen Erwachsenen-Anstand abwerfen, um selbst herum zu tollen. Die Kinder kreischen und unvermittelt schicken sie mit dem Wasserschlauch einen nassen Gruß herüber. „Mach mit“, rufen sie, „stell dich nicht so an.“ Ich springe auf. Den Fluch auf den Lippen verschlucke ich, weil meine innere Stimme mahnt:

„Rühr dich. Spring durch den Kunstregen. Zeig, dass es im Sommer am vernünftigsten ist, unvernünftig zu sein.“

 

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