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Die Luft, die wir atmen.

Ich blinzelte in die Helligkeit des jungen Tages. 

"Schön", dachte ich und war trotzdem unzufrieden, weil meine Gedanken sich im Kreise drehten über einen Text, den ich als Thema hätte wählen können, um einen kurzen Essay für meine Tageszeitung zu schreiben. Aber noch während ich missmutig ins Blau des Himmels schaute, kam mir ein Gedanke und mir wurde klar, dass ich genau durch das hindurch schaute, über was sich zu schreiben lohnte: Unsere Luft, ihre Tücken, ihren Segen und was wäre, wenn sie fehlte.

Wir Menschen sind so kühn zu glauben, wir beherrschten die Oberfläche unseres Planeten. Ein Irrtum, denn die Luft beherrscht uns. Dem "Luftozean", auf dessen Grund wir leben, sind wir auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Nicht wir, die Atmosphäre bestimmt, was auf der Erde geschieht. Hunderte Kilometer tief lastet sie mit über einer Tonne "Luftgewicht" auf jedem Quadratzentimeter unseres Körpers. Wir werden nur deshalb nicht wie ein Fahrradschlauch zusammengequetscht, weil unser Körper mit gleichem Druck dagegen hält. Wasser heißt der Zauberstoff, der das kann und zum Glück bestehen wir zum größten Teil daraus. Wasser ist das Einzige, mit dem wir die Macht des Luftdrucks ausgleichen können.

Was dran ist an unserer eingebildeten "Planetenbeherrschung", wird bei jedem Sturm sichtbar, wenn er Schneisen umgeknickter Bäume in die Wälder fräst, Schiffe versenkt und Häuser in die Luft wirbelt. Dann wird sich der übermütige Mensch furchtsam seiner Machtlosigkeit bewusst. Dabei ist die Luft eines Sturmes nichts anderes ist als die Luft eines Sommerabends, die mild über nackte Füße streichelt. Das gleiche Gas, einmal in Bewegung gesetzt, rast nun brüllend und zerstörend über die Landschaft. Trotzdem, diese immer nur lokal wirkende Wut unserer Gashülle ist der geringe Preis für einen Schutz, den sie - einem gigantischen Schutzpolster gleich -  als Ganzes unserer Erde bietet. Die tödliche Strahlung des Atomreaktors Sonne schirmt sie zum größten Teil ab und ermöglicht uns so, zu überleben. Nachts hindert sie wie das Glasdach eines Gewächshauses die gespeicherte Tageswärme daran, ins Weltall zu verschwinden. Ohne Lufthülle würde es tagsüber auf alles versengende +110 Grad heiß und nachts bis -180 Grad kalt.

Sternschnuppen verglühen nur deshalb, weil unsere Atmosphäre täglich tausende Tonnen kosmische Trümmerstücke verbrennt, bevor sie auf dem Erdboden einschlagen können. Ohne Lufthülle gliche die Erde dem Mond! Krater neben Krater bedeckte die Oberfläche - nur kein Leben. Keine Pflanze wüchse und kein Vogel sänge in einer Baumkrone. Uns gäbe nicht und auch keine der Schönheiten, die wir als schön empfinden. Keinen blauen Himmel, kein blaues Meer, weder weiße Wolken oder grünliches Dämmerlicht. Keine perlgrauen Novembernebel, keinen Regenbogen, keine flammenden Sonnenuntergänge und kein Aufzucken eines Blitzes - alles entstammt der Farbpalette unserer Luft. Es gäbe kein Feuer, dass wärmte, weil der Sauerstoff fehlte und auch keinen Schall. Schreckliche Stille läge über einer toten Welt, in der selbst ein Meteoriteneinschlag ungehört bliebe.

Unserer Atmosphäre verdanken wir uns selbst - und mich wundert gelegentlich, wie sorglos wir mit dem "Stoff" umgehen, den wir einatmen um leben zu können.

John Ruskin beschrieb unsere Atmosphäre so, wie es treffender nicht wiederzugeben ist: "Zuzeiten sanft, zuzeiten launisch, zuzeiten schrecklich. Nicht zwei Augenblicke sich gleichend: Fast menschlich in ihrem Wüten, fast beseelt in ihrer Zartheit, fast göttlich in ihrer Unendlichkeit."