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12/ 2017

Brief an einen Freund.


Hintergrund für den nachfolgenden Text ist eine Mail, die mir ein langjähriger Freund aus Österreich schickte und nach einigen Sätzen wie üblich über das Wetter im Hochgebirge vorschlug, ich solle "drei Gänge" zurück schalten." 



Dezember 2017

 

Liebe Voralberger Freunde,

 

vielen Dank für den letzten Brief aus dem schönen "Ländle." 

Ja Alois, wir haben hier im Norden nur horizontales, einigermaßen vorhersagbares Wetter. Ganz im Gegensatz zu dem Wetter bei Euch, dass sich vertikal schichtet. Das heißt, unser Wetter ist vorhersehbarer als das Eure und mit großer Wahrscheinlichkeit ist es hier regnerisch oder es steht kurz davor. Aber wenn es mal heiß wird, dann will es gar nicht mehr aufhören mit der Hitze und die Flucht nach oben in die Berge ist uns hier versperrt. Solche "sibirischen Hochdruckinseln" halten sich dann bisweilen anderthalb Monate und bescheren uns immer neue Hitzerekorde, die wir "Flachlandtiroler" in der Ebene durchhalten müssen. Um so viel sind wir aber "abgehärteter" als ihr "Voralberg"- er Alpinisten."...............

............Nun aber zu Deinem Rat, ich solle "drei Gänge" zurück schalten. Ganz davon abgesehen, dass dies gegen meine Natur verstieße, wäre es auch unklug, so zu handeln. Dann würde ich ja die Fortschritte und Zwischenergebnisse von dem Geschehen rund um mich herum verpassen. Von dem, was sich erst in den letzten Jahrzehnten herausgebildet hat und manchmal erst seit 20 Jahren so richtig in Fahrt gekommen ist.

Runterschalten hieße doch, mich mehr oder weniger teilnahmslos hinzusetzen und die vielen neuen Wunder, die die Wissenschaft uns beginnt zu erschließen, lediglich  betrachten zu wollen - oder auch nicht - ohne aber wirklich daran teilzunehmen. Zurückzuschalten in einer Phase, in der gerade ein völlig neues Zeitalter eingeläutet wird - dass Zeitalter des Wissens - wäre leichtfertig. Eine Ära, in der so ungeheuer viele Erkenntnisse gewonnen wurden und noch werden und kein Ende in Sicht ist, muss aktiv miterlebt werden. Ständig tun sich überraschende, bahnbrechende Entwicklungen in alle nur denkbaren Richtungen vor uns auf, mit denen man gar nicht gerechnet hatte oder die man überhaupt nicht als realisierbar gehalten hatte. 

Vor zwanzig Jahren wussten wir nicht einmal, dass es noch andere Planeten außerhalb des Sonnensystems gibt. Wir rätselten hin und her - aber wir wussten es nicht! Heute haben wir Tausende dieser Planeten lokalisiert und täglich kommen mehr dazu. In zehn Jahren werden wir vermutlich wissen, ob es andere bewohnbare Himmelskörper innerhalb unseres Milchstrassensystems gibt oder nicht und mit den kommenden Riesenteleskopen werden wir einige Exoplaneten sogar direkt abbilden können. Das stell Dir mal vor: Unbegreiflich ferne Welten werden wir direkt von hier aus sehen können. Welten, für die dass Licht mit einer SEKUNDEN-geschwindigkeit von 300 000 Kilometern fünf oder 10 oder 100 Jahre braucht, um hier anzukommen. Als nackte Zahl ausgedrückt, hört sich das gewöhnlich und sehr moderat an, aber wirklich vorstellen kann ich mir die Entfernungen, die dahinter stecken, nicht! Welch gigantischer Entwicklungssprung der Menschheit wird da erkennbar! 

Ich möchte das eben Beschriebene so erleben, wie ich bei der ersten Mondlandung mit gefiebert hatte. Vielleicht sogar mehr gefiebert, als die Mondfahrer damals selbst. Oder als der erste künstliche Erdsatellit - der Sputnik - seine quietschenden Zirpgeräusche aus nur 400 km über uns zur Erde sandte und wir als Kinder ungläubig um den Radioapparat herumstanden.

Vor zwanzig Jahren erst hat man begonnen, mit Riesenschritten in's Gebiet der Neurowissenschaft zu marschieren, um unser Gehirn - diesen biologisch - elektrochemischen Kosmos von Neuronen und Verbindungen - wir/uns selbst - so unglaublich viel besser verstehen zu lernen, als die ganze Menschheit das in all den Jahrtausenden vor uns nicht vermocht hat. Heute kann man beobachten, wie unser Hirn dank neuester Technologie immer erfolgreicher über sich selbst nachdenkt, wie es versucht, sich selbst zu entschlüsseln. 

Oder denk mal an die gigantischen Fortschritte in der Altersforschung, dem gesunden Altern überhaupt, der immer noch zunehmenden Lebenserwartung des Menschen, die jedem Einzelnen von uns erlaubt, viel länger an dem ungeheuer dynamischen Geschehen um uns herum teilzuhaben - wenn er nicht dement wird. Doch auch das wird "abgestellt" werden aufgrund der rasant fortschreitenden Medizin. 

Noch vor 200 Jahren wurden die Menschen im Schnitt keine 50 Jahre alt, und im Mittelalter nur 30 Jahre! Denk an die Medizin in ihrer ganzen Breite. Denk an die Entschlüsselung der DNA, die Revolution in der Landwirtschaft, der Industrie und überhaupt in der Robotronik.

Überall wo man hinschaut, Verbesserungen. Aber auch nicht zu übersehende Probleme, welche diese Verbesserungen mit sich bringen - das will ich bei meiner positiven Grundhaltung in Bezug auf die Zukunft nicht verdrängen. Probleme, auch im zwischenmenschlichen Bereich. Vielleicht vor allem dort. Natürlich stöhnen die Menschen über ihr Schicksal. Das liegt ihnen im Blut... aber sie sind zu recht besorgt wegen der Kriege, die immer zahlreicher und deren Folgen immer gefährlicher werden. Dabei  übersehen sie, dass jeder, solange er lebt, vom Schicksal nicht ausgeschlossen werden kann, sondern oft genug selbst ein "Produkt" der verbesserten Lebensbedingungen ist - auch wenn ständig von Umweltverschmutzung geredet und geschrieben wird und stillschweigend unterschlagen wird, dass es vor wenigen Jahrzehnten noch "viel schmutziger" um uns herum zuging. Ohne die phänomenalen medizinischen und hygienischen Erkenntnisse und Fortschritte gäbe es manchen Nörgler gar nicht, denn ein Großteil der Kinder starb noch vor 70/80 Jahren schon in den ersten Lebensjahren an Krankheiten, über die wir heute nur ein müdes Lächeln übrig haben. 

Vor 40 Jahren noch war unser "Leinefluss" - den kennst Du, unterhalb der Marienburg - eine Kloake durch die Alfelder Papierfabrik. Heute dagegen? Ich will nicht behaupten, sie führe nun Trinkwasser, aber viel fehlt dazu nicht. Solche rasanten Entwicklungen sind Teil unseres Lebens und können in ihrer Dynamik leider auch in "die falsche Richtung" ausschlagen. Doch diese unvorhersehbaren Risiken sind Teil unseres unseres Schicksals. Ohne Schicksal kein Leben - oder umgekehrt. Unterm Strich gesehen, ist das Meiste um uns herum wirklich besser geworden gegenüber früheren Zeiten.

Noch nie konnte sich jeder Einzelne von uns unbehindert weiterbilden, so, wie es ihm gerade passt und in welche Richtung es das tun möchte. Noch nie konnte jemand sein erworbenes Wissen in bare Münze verwandeln, wie es noch vor 30 Jahren undenkbar war. Fast alles ist möglich...Das Internet bietet - unter vielen anderen Möglichkeiten - eine mächtige Chance, dies zu verwirklichen - wenn es richtig angewendet wird. 

Nein Alois, an diesem gerade erst begonnenen neuen Zeitalter will ich aktiv und hellwach teilhaben, wenn ich auch nicht wirklich etwas mitgestalten kann. Aber hier im Kleinen, hier im Dunstkreis meines Wirkens kann ich darüber reden und auch in meinen häufigen Referaten zur Sprache bringen, was um mich herum an Neuem passiert und was mich fasziniert. Und mich fasziniert vieles, das weißt Du! Und wenn es nur die Möglichkeit ist, sich auf früher nicht vorhandenen Kanälen Wissen anzueignen. Das allein ist schon Grund genug, nicht runter-, sondern nach Möglichkeit noch einen Gang höher zu schalten!

Deshalb kann bei mir - solange es noch möglich ist - von "Zurückschalten" in niedrigere Gänge keine Rede sein. Ich käme mir ja vor wie jemand, der kostenlos eine Weltreise in 5 Sterne Hotels  machen könnte, aber aus Bequemlichkeit darauf verzichtet und sich stattdessen in einen Ohrensessel setzt, eine Flasche Bier nach der anderen trinkt, und die Beobachtung der Tabelle in der Bundesliga als das höchste seiner Ziele auserkoren hat!

Und ganz ehrlich, Du bist doch ähnlich veranlagt und wirst mit einem breiten Schmunzeln meine Zeilen lesen und deuten......

...................Kommt gesund von Eurer Donaureise zurück und berichtet dann bitte.

 

Herzlichst aus dem nördlichen südlichen Niedersachsen mit den dicksten nur denkbaren Zuckerrüben,

 

Wolfgang