Auf dieser Seite stelle ich Ihnen Karla Kühn und ihren Mann vor und präsentiere Ihnen mehrere ihrer Kurzgeschichten.



Karla Kühn, wie sie lebt und lacht!


Karla Kühn 

ist Schriftstellerin mit besonders ausgeprägtem Bezug zu Ereignissen aus dem Leben von Menschen, in deren Leben nicht immer "eitel Sonnenschein" herrscht und deren Entwicklungsgeschichte  gelegentlich auch tragisch verläuft.


Ihr Ehemann Joachim Joachim unterstützt sie stark bei ihren literarischen Arbeiten, ist aber selbst der Malerei und auch der Imkerei zugewandt. 

Das "Doppelpack" in Aktion.

Karla Kühn ist bereits durch eine Vielzahl von Publikationen eigener Werke und auch mit Werken anderer Schriftsteller vor die Öffentlichkeit getreten. 

Ihr Schaffen hat sich stetig gesteigert und wird durch ihren Ehemann Joachim - den Sie nebenstehend sehen und der es verdient, auch "bildlich" in Erscheinung zu treten - tatkräftig flankiert. Sie sind ein Doppelpack - im positiven Sinne - und so treten sie auch meist auf.

Lesen sie nun, wenn sie mögen, mehrere ihrer Kurzgeschichten, die in unregelmäßigen Abständen ausgetauscht werden. Viel Spaß beim Lesen der Werke von Karla Kühn

 

Anmerkung des Betreibers der Webseite: Texte der mit mir befreundeten Autoren werden von mir weder kommentiert noch bearbeitet. Sie werden von mir so eingestellt, wie sie mir zugesandt werden. 

 

 

Neu


Ausweglos?

 

Seit  Wochen sitzt sie, nachdem ihr Mann das Haus verlassen hat, den Kopf in ihre Hände gestützt, am Fenster der kleinen Küche. Noch nicht lange wohnen sie in dieser Stadt. Der Arbeitsplatzwechsel ihres Mannes hatte diesen Umzug nötig gemacht.

Bis heute haben sie noch keinen richtigen Kontakt zu den Mitbewohnern im Haus oder gleichaltrigen Bekannten gefunden. Der Junge ist gerade neun Monate alt, deshalb werden ein paar Jahre vergehen müssen, bis sie wieder in ihren Beruf einsteigen kann.

Allein gelassen, einsam fühlt sie sich. Und wie an einem jeden Morgen wird sie ihr Kind in den Buggy packen und zum Supermarkt laufen, den sie in fünf Minuten erreicht. Dort wird sie Lebensmittel, die sie für den heutigen Tag  braucht, für das Baby Nahrung und für sich selbst eine Flasche Wein einkaufen. Seitdem sie ihr Kind nicht mehr stillen kann, trinkt sie täglich. Diese Tropfen hellen ihre Stimmung auf, heben sie aus der dunklen Depression heraus, dieser Krankheit, die sie nach der Geburt ihres Kindes fest umklammert hält.

Nach dem Genuss des Getränkes fühlt sie sich wie auf unsichtbaren Schwingen empor gehoben, es gibt ihr eine Leichtigkeit und ihrem Körper eine wohltuende Wärme. In dieser Verfassung trällert sie die im Radio erklingenden Schlager locker und beschwingt mit. Am späten Nachmittag wird sie sich müde geworden mit ihrem Kind in das Ehebett legen und schlafen. In der Regel wacht sie erst auf, wenn sie den Schlüssel im Schloss hört, und ihr Ehemann vom Dienst nach Hause kommt. Das Kind neben ihr spielt und weckt die Mutter nicht.

Mürrisch und träge begiebt sie sich dann in die Küche. Na klar, sie muss für ihn kochen. Sie selbst verspürt keinen Appetit auf irgendwelche Speisen.

Ratlos steht der junge Vater in der Tür. Warum verhält sich seine schöne junge Frau so. Was soll er noch tun? Sie hat doch alles. Er bemüht sich ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Für seinen guten Verdienst muss er hart arbeiten, d.h. auch Überstunden leisten. 

Als der Junge drei Jahre alt ist, meldet sich Nachwuchs an. Die junge Frau vermeidet alkoholische Getränke, die Zigaretten bleiben im Schrank. Sie ekelt sich regelrecht davor. Sie ist ihrem Mann eine zärtlich sorgende Ehefrau und für den Dreijährigen und dem kleinen Mädchen eine liebevolle Mutter bis sie wieder zur Flasche griff.

Wochen und Monate vergehen im immer gleichen Rhythmus. Er verläßt zeitig am Morgen die Wohnung. Er hat kaum Schlaf gefunden, denn er versorgt das Baby mit dem Fläschchen in der Nacht, sie wacht nicht vom Weinen des Kindes auf.

Er darf nicht verschlafen. Ihm war es wichtig pünktlich am Arbeitsplatz zu erscheinen. Gähnend steht er unter der Dusche, das warme Wasser rieselt wohltuend über seinen  Körper.

In der Küche brüht er sich einen Kaffee auf. Sein Junge, sein kleiner Prinz steht plötzlich in der Tür: „Papa, ich will bei dir sein, nimm mich mit. Ich kann dir ganz bestimmt helfen?“

Die dunklen Augen des Kindes sehen den Vater fragend an. Zärtlich nimmt er den Sohn in seine Arme und legte ihn in sein noch warmes Bett neben die Mutter.

Leise zieht er die Wohnungstür hinter sich ins Schloss: In welchem Zustand werde ich meine Frau heute, wenn ich nach einem anstrengenden Arbeitstag diese Tür wieder öffne, vorfinden?

Erneut sitzt sie am Fenster ihrer Küche, die Zigarette in der Hand und blickt stumpfsinnig auf den leeren Hof hinunter. Antriebslos ist sie, nichts rührt sich in ihr, um die häuslichen Aufgaben zu verrichten.

Oh, doch, da gibt es etwas. Sie packt das Töchterchen in den Kinderwagen, den Kleinen zieht sie an und geht zum Supermarkt an der Ecke. Dort greift sie nicht mehr zur Weinflasche, ein hochprozentigeres Getränk legt sie in den Einfkaufswagen. Die Kassiererin nickt ihr freundlich zu, und sie stottert verlegen: „Wir bekommen heute Abend Gäste, wir wollen ein wenig feiern.“ „Das ist doch toll, ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag und vor allen Dingen, einen fröhlichen Abend.“ 

Ihr ist bewußt, wenn diese Frau morgen wieder an der Kasse sitzen würde, kann sie, wie schon manches Mal, hier nicht ihr Getränk kaufen. Im Kiosk an der Ecke sind derartige Einkäufe viel teurer. Nur dort kaufen Kunden, die wie sie, vom Alkohol abhängig sind.

Sagt sie ihrem Mann am Monatsende, dass der Lebensunterhalt ständig steigt, dann greift er in die Brieftasche und bessert das Haushaltsgeld ohne Widerspruch auf.

Allein, in ihrem Wohnzimmer, denkt sie über ihn nach. Ist er blind, sieht er nicht, was mit ihr passiert? Nimmt er ihre Situation, ihre tägliche Verfassung gar nicht wahr?

Das ist ein Irrtum ihrerseits. Schon lange hat er den labilen Zustand seiner Frau erkannt. Es fällt ihm immer schwerer, am Morgen die Wohnung zu verlassen. Er geht trotz allem zur Arbeit, oft verzweifelt und ratlos, aber er geht, das verlangt sein Pflichtbewusstsein und die Verantwortung. Die Gespräche am Abend mit ihr, seine vorsichtig ausgesprochenen Hinweise, dass sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen müsse, weil sie ihren Zustand nicht anders mehr in den Griff bekommen würde, lehnt sie strikt ab: „Du spinnst doch, ich bin nicht krank, ich brauche keine Hilfe, niemals. Mir geht es gut und dir und den Kindern doch auch. Also bitte, hör auf!“ Alles wäre nur ein normaler Genuss an den Getränken, sie könne sofort damit aufhören. Welcher Hohn.

Am frühen Morgen, wenn sie unausgeschlafen vor ihm steht und ihn verabschiedet, sagt sie zärtlich: „Ich brauche nur dich und unsere Kinder, glaub es mir. Ich liebe dich. Wo siehst du ein Problem?“

Er sieht ganz deutlich das Problem, sieht ihre strähnigen ungepflegten Haare, ihre nachlässige Kleidung, bemerkt die aufkeimende Verwahrlosung in der Wohnung, und seine traurigen Kinder, die unter dem Zustand der Mutter leiden. Hilflos sieht er sich einer völlig ausweglosen Situation gegenüber stehen. Natürlich gab es hin und wieder sehr schöne Zeiten für die junge Familie.

In der S-Bahn auf dem Weg nach Hause nimmt er sein Buch in die Hand, jedoch das Lesen ist ihm heute unmöglich, er kann sich nicht konzentrieren.

Von weitem schon sieht er vor dem Wohnhaus Fahrzeuge mit Blaulicht stehen. Die Feuerwehr, die Medizinische Hilfe und  Polizei. Was ist passiert? Immer schneller werden seine Schritten, das letzte Stück rennt er. Geschockt sieht er aus dem Küchenfenster seiner Wohnung dunklen Rauch heraus quellen.

Dicke Schläuche liegen quer über der schmalen Strasse. Gaffende Menschen stehen rechts und links am Straßenrand. Männer der Feuerwehr in Schutzanzügen tragen Kinder, seine Kinder aus dem Haus und bringen sie in den Wagen des Roten Kreuzes. In Decken eingehüllt, auf einer Trage, liegt seine Frau mit einem Beatmungsgerät am Mund. Der Notarzt steht dabei.

Wie im Nebel sieht er diese Szenen vor seinen Augen ablaufen. Was ist hier nur in seiner Abwesenheit passiert? Was hat er falsch gemacht? Gehorsam steigt er in den Wagen der Polizei mit der Hoffnung, von ihnen aufgeklärt zu werden.

Werde ich die Chanc haben einen Neubeginn zu schaffen? Werden  meine Frau und die Kinder überlebe? Zu diesem Zeitpunkt blieb die Antwort offen.

 

Karla Kühn

30952 Ronnenberg 



Weihnachtsessen bei Hoppenstetts

In diesem Jahr war es ein stiller, sehr stiller Weihnachtsabend für Lina und Kurt gewesen. Dem Gottesdienst vor Mitternacht hatten das Ehepaar wie in einem jeden Jahr in der Kapelle im Dorf beigewohnt. Dieser Gottesdienst gehörte zum Heiligen Abend, die Teilnahme war für beide Christenpflicht. Kurts Vater wollte  im Seniorenheim bleiben. Lina vermutete, dass er dort eine Freundin gefunden hatte, und nur am Weihnachtsfeiertag, wenn die Enkel den Mittagstisch mit angeregten und auch zotigen Gesprächen unterhielten, wollte er mit anwesend sein.

Lina hatte sich auf den Besuch der Kinder und ihrer Familien mit einem weihnachtlichen Essen eingerichtet. Der traditionelle Gänsebraten, Rotkraut und Klöße waren vorbereitet. Zum Nachtisch würde es Eis mit heißen Himbeeren aus der Gefriertruhe geben. Der Rotwein vom Italiener „Giordano“ durfte im Dekanter nach Luft schöpfen und die alkoholfreien Getränke standen gekühlt bereit. Nach Abschluss dieser familiären Gemeinsamkeit würde Weihnachten vorbei sein.

Kurt hatte sich vor dreißig Minuten murrend ins Auto gesetzt und befand sich auf der Fahrt zum Seniorenheim. Hoffentlich werde diese Fahrt nicht  umsonst sein und Opa erklärte  sich bereit, ins Auto zu steigen. Der Alte war schon sehr eigenartig und spleenig geworden und hatte an allem etwas auszusetzen. Lina und Kurt konnten ihm nichts recht machen. Einen Unterschied gab es immer, wenn die Enkel mit anwesend waren, dann taute er auf, machte Witze und unterhielt sich angeregt mit den Jugendlichen, nahm  seine Gehstöcke, ging mit ihnen auf die Terrasse und paffte dort, auf dem Gartenstuhl  ruhend,  eine dicke Zigarre. Das würde heute wie in an einem jeden Familientreffen so geschehen. Unglaublich, eine aufkeimende Altersdemenz konnte bei ihm nicht festgestellt werden.

Zurück zur Hausfrau, die schwitzend  in der Küche stand: „Meine Güte, ich merke es in diesem Jahr ganz besonders, dass ich ein Alter erreicht habe, in dem ich  meine Füße lieber unter einem der Tische meiner  Kinder ausstrecken würde und dort mit Kurt ein köstliches Mahl einnehmen könnte“. Sie wusste nur zu genau, dass dieser Wunsch fast unerfüllbar bleiben würde.

Von Rainer käme garantiert keine Einladung für die Eltern.  Der Junge lebte allein, nein nicht wirklich allein, ein Freund teilte seit einiger Zeit mit ihm die Wohnung. Die Ehe  mit der attraktiven Sportlerin,  die Auszeichnungen in der Landesmeisterschaft erworben hatte, war nach  kinderlosen Jahren  gescheitert. Ina und Kurt hatten den Freund des Sohnes bisher nie zu Gesicht bekommen. Aber heute würde der junge Mann, sie wussten nur von ihm, dass er Arzt in einer Gemeinschaftspraxis war, mit am Tisch sitzen. „Ich werde mir erlauben, ein paar Fragen an die beiden Männer zu stellen“, dachte Lina.  Die schrille Haustürglocke schreckte die Mutter aus ihren Gedanken auf. Die  Tochter Regine stand mit der neunjährigen Ina an der Hand vor der Tür. „Mutter, nun blick doch nicht so fragend, Heinrich ist zu seinen Eltern abgeschwirrt. Wir haben uns am Heiligen Abend  total, ich sage dir, irre zerstritten. Der Idiot will sich von mir trennen, was sagst Du dazu? Vielleicht hat der auch schon eine Neue, wie soll das unsere Ina verkraften, Mutter, sag es mir, gib mir einen guten Rat.“ Lina war nicht gewillt mit der Bratgabel und Kochlöffel in der Hand bewaffnet, diese Frage zu beantworten.  „Komm rein mein Kind, wir reden später mit Papa darüber, alles kommt oft nicht so schlimm, wie es aussieht.“ Die Ehe der Tochter konnte  wohl  nicht mehr so perfekt sein.

Die  Gastgeberin schüttelte den Kopf, was passiert in dieser Gesellschaft mit den jungen Leuten? Es geht ihnen doch gut, sie können sich Wünsche erfüllen, von denen wir in unserer Jugendzeit nur träumten. Bei uns war alles anders. Wir hatten kein Auto, keine eigene Wohnung, nein, wir wohnten nachdem wir geheiratet hatten bei den Eltern von Kurt. Wir hatten kein  Geld, um große Einkäufe zu tätigen, d.h. wir mussten mit jedem Pfennig rechnen, ihn dreimal umdrehen, bevor wir ihn ausgaben. Und heute stehen den jungen Leuten Tor und Tür offen. Abitur, ein Studium war möglich, wenn sie das nötige Wissen mitbrachten.

Die Haustür schlug hart ins Schloss. Kurt war zurück und hatte Opa im Wohnzimmer im Sessel abgesetzt. Es klingelte erneut. Das wird Erich, der Jüngste  mit seiner Frau Christine sein, vielleicht bringen sie auch Gertrude, ihre Mutter mit. Das wäre kein Problem, Lina verstand sich trotz der oft unterschiedlichen Anschauungen gut mit ihr.  Gertrude war mitgekommen und stand mit dem Gehstock in der Hand pausenlos redend und das sehr laut und deutlich im Korridor.  Vielleicht war ihr Gehör nicht mehr so in Ordnung. Lina vermisste  die drei Enkelkinder. Warum waren sie nicht dabei? Den Kopf weit in den Nacken zurück gebogen, diese Haltung verlieh der Schwiegertochter eine gewisse Überheblichkeit,  blickte sie die Schwiegermutter an: „Lina, hab Verständnis, für das Fernbleiben meiner Kinder gibt es eine simple Erklärung. Möchtest Du sie hören? Rena ist unpässlich,  Thilo hat eine Verabredung zu einer Fete und Oskar, na ja Oskar ist schwierig, er pubertiert, wollte zu Hause bleiben. Lina bitte begreife, wir müssen das Leben unserer Kinder akzeptieren. Wir werden dein Essen auch ohne sie genießen.“

Wie bei jeder Begegnung kam sich Lina in den Augen ihrer Schwiegertochter sehr alt geworden zu sein vor. Dieser Ton, diese Art mit ihr zu reden, machten ihr Probleme. Musste diese Frau, Lehrerin an der Waldorfschule, ihre Bildung bei jedem Zusammensein  zur Schau stellen. 

Lina sog die würzigen Küchendämpfe durch die Nase und murmelte von keinem gehört: „Meine hochgelehrte Dame, die du scheinst zu sein, als Mutter und Erzieherin deiner eigenen Kinder bist Du, glaube ich, gescheitert.“

Erneut meldete sich durchdringend die Haustürglocke. Rainer, der Erstgeborene,  stand vor der Tür. „Mam, tut mir leid, ich komme ohne Gert, der hat einen dringenden Termin, den er nicht absagen konnte.“ Die Mutter wusste in diesem Moment, dass sie ihre Fragen, die sie dem Sohn und Freund stellen wollte, für sich behalten musste.

Die  Arbeit in der Küche war beendet, alle negativen Gedanken von sich weisend, schaute Lina lachend und keck ins Wohnzimmer. An dem großen weiß gedeckten Esstisch saßen die Familienmitglieder friedlich vereint. Die erregten Gespräche zur Begrüßung waren verhaltener geworden: „Ich bitte um Unterstützung beim Anrichten, dann dürfen wir uns den mir hoffentlich geratenen Gänsebraten schmecken lassen.“ Alle, außer Christine und ihre Mutter, sprangen zum Helfen auf und kamen in die Küche. Das Essen schmeckte, die Tischgespräche über Politik, Musik und irgendwelche Ereignisse schwirrten über die  Teller und die mit Rot-oder Weißwein gefüllten Gläser. Pauline trank, wie schon so oft beim Familientreffen, viel zu viel. „Mama dürfen Ina und ich heute bei euch übernachten? Heinrich soll spüren, dass ich auch anders kann.“ Sprach es und lehrte ihr Glas. Natürlich durften sie.

Opa war in Fahrt geraten, seine Stimme klang durchdringend über den Tisch. Seine Themen waren wie immer der Krieg, die Hungersnot und die entbehrungsreichen Jahre danach. Alle kannten sie. Unterschiedliche Auffassungen gab es über die Flüchtlinge, die Integration, und über die daraus folgenden unabwendbaren Familienzusammenführungen und wie geht es mit unserem  Land und den  Regierenden  weiter? Was wird mit den Renten, mit den Zinsen und bargeldlosen Zahlungen in der Zukunft. Welch alter Mensch kann das noch begreifen?  Die Stimmen, die  über den Tisch schwirrten, wurden laut, sehr laut. Jedes der Familienmitglieder vertrat seine Anschauung.

Lina schaute Kurt an und sie bemerkte, dass ihr Mann  abwesend wirkte. War ihm  alles zu viel geworden? Sie kannte ihren Mann. Er wirkte tatsächlich irritiert.

Kurt Hoppenstett, der sich trotz seiner achtundsechzig Lebensjahre noch sehr stark und jugendlich fühlte, steckte plötzlich in einem argen Problem. Er nahm  auf dem rechten Auge seine Umgebung nur noch verschwommen wahr. Verdammt noch einmal, was ist das? Äußerst genervt schlug er mit der Faust auf den Tisch. „Ruhe bitte, Ruhe, wir machen jetzt Schluss, genug der gewechselten Worte, es reicht für heute. Lasst uns noch einen Absacker trinken, wer nicht fahren muss darf und dann beenden wir unser Familientreffen. “ Und so geschah es.

Die Familiengeschichte kommt zum Ende: Opa musste im Haus übernachten.  Kurt konnte ihn nicht zurückbringen. Er sah die Umgebung mit dem rechten Auge nur verschwommen und unscharf. Er wollte Lina nicht in Sorge versetzen und die Familie musste es auf keinen Fall  wissen. Warum auch?

Schwiegertochter Christine hatte Wein  getrunken, Erich nur Wasser und Saft, logisch, er saß am Steuer des Wagens. Opa legte sein müdes und schwer gewordenes Haupt im Gästebett zur Ruhe. Einen Anruf mit dem Handy ins Seniorenheim an Elfriede tätigte er noch, bevor er einschlief.  Für Pauline mit Töchterchen Ina stand das Mädchenzimmer  zur Verfügung.

Kurt war stumm und in sich gekehrt im ehelichen Schlafzimmer verschwunden. Für Morgen früh gab es für ihn nur dieses: Er musste  als erstes seinen Hausarzt und als zweites den Augenarzt anrufen. Ein Schlaganfall kann es doch nicht gewesen sein? Hat er vielleicht einen Tumor im Kopf?  „Ich kann nie wieder mit dem Auto fahren.“ Ihm graute bei diesem Gedanken. 

Lina räumte das Geschirr in den Geschirrspüler, als  Ina im Nachthemdchen in die Küche trat: „Oma, Oma schau doch was ich gefunden habe. Es sieht aus, als ob man, wenn man hier durchsieht, in eine Lupe guckt.“ Die Kleine hielt ein  Brillenglas in ihrer Hand. „Es lag auf dem Stuhl vom Opa Kurt.“

Lina fand Kurt noch nicht schlafend vor. Er wälzte sich ruhelos im Bett von einer Seite auf die andere. Er konnte keinen Schlaf finden.  Lächelnd legte sie das Glas in seine Hand. „Lina, was ist das, wie konnte mir das entgehen? Auf dem rechten Auge konnte ich fast nichts mehr sehen und habe geglaubt zu erblinden?“ „Kurt schlaf, alles ist gut und die Hauptsache ist, dass du gesund bist und wir wieder einmal gemeinsam das Familienessen geschafft haben. Wie lange werden wir das noch können?“ Darauf gab Kurt  keine Antwort. Hand in Hand schliefen beide ein.  





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