Ursula Kühn

 

 

 


 

 

 

 

 


 

 

 

Anlässlich eines "Sommergrillens" in meinem Garten am 11. Juni 2016 brachte Ursula Kühn ein gar nicht mal so seltenes, aber in diesem Falle trotz seiner Nichtigkeit etwas mit, was gerade durch seine Nichtigkeit oder sein "Nichts" für Aufsehen sorgte. Es war nicht nur ihr pointierter, sondern zusätzlich auch ihr polierter Sprachwitz, der unbedingt hier an dieser - und an anderen Stellen - veröffentlicht werden muss. Lesen Sie nun zur Einstimmung auf die Texte von Ursula Kühn:

 

N  i  c  h  t  s   als ein Gedicht…

 

Grillen ist ein Zeitvertreib,

bei dem Seele, Geist und Leib

einvernehmlich mit Behagen

der Diät ein Schnippchen schlagen.

Diese Einladung zum Schlemmen

kam von Nieschalks aus Nordstemmen,

wo sie uns in ihrem Garten

heut zur Grillparty erwarten.

 

Es gehört zum guten Tone

niemals zu erscheinen ohne

ein Geschenk, das mit Bedacht

ausgesucht stets Freude macht.

Heißt’s jedoch, komm einfach rüber,

bring  N  i  c  h  t  s  mit, das ist uns lieber,

N  i  c  h  t  s  ! Was könnte das denn sein ??

Dazu fällt mir nur  N  i  c  h  t  s  ein.

Und mit  N  i  c  h  t  s  hab ich zudem

gleich ein weiteres Problem:

Wie verpackt  man angesichts

seines fehlenden Gewichts

bloßes  N i c h t s  ? Ein Briefkuvert

bleibt mit  N  i  c  h  t  s   gefüllt ganz leer!

Das entfällt!  Ich denke vage -

manchmal wird selbst  N  i  c  h  t  s  zur Plage -

und weiß plötzlich, was ich tu:

Geh auf Wolfgang Nieschalk zu,

schenk ihm unverpackt und schlicht

diesmal   N  i  c  h  t  s   als ein Gedicht…  

 

 

 

 

 

Passend zu der Sommerlesung des Calenberger Autorenkreises am 17. Juli 2016 konnte Ursula Kühn nochmals begeisterten Applaus für sich verbuchen mit ihrem Gedicht, dass sie frühmorgens in größter Not gen Himmel schickte, weil dieser seine Schleusen geöffnet hatte und den Garten, in dem die Lesung stattfinden sollte, unter Wasser zu setzen drohte.

Es ist fast unglaublich und schon ein bisschen unheimlich, was mit gewählten, geschliffenen Worten und Sätzen erreicht werden kann, wenn die Verfasserin ihr Fach versteht. Jedenfalls brach am Mittag die Sonne durch, sie hatte ein Einsehen und durch diese, 56 Millionen weit über den Horizont reichende  Verbindung zwischen ihr und Ursula, wurde die Sommerlesung des Calenberger Autornkreises ein großartiger Erfolg.

 

 Ich hab der Sonne, die wir lieben,

noch schnell ein Telegramm geschrieben,

und machte ihr die Lage klar:

 

Erscheine – stop - mach dich nicht rar,

du Strahlende, wir brauchen dich,

stop -  lass uns heute nicht im Stich

und fröstelnd auf dem Rasen stehen,

erhör der   

Calenberger Flehen                                                                    

Nur wenn du da bist,

wird  i m  G a r t e n

von Kühns die Sommerlesung starten!“

 

Kurz darauf bekam ich nacheinander zwei Telegramme:

 

 

Verzeihung, Usch, bin nicht gut drauf -

s t o p – tauche deshalb  heut nicht auf,

wünsch aus der Ferne allen ein

feucht-fröhliches Beisammensein -

s t o p  -  machte mich schon mit Verlaub

vor Tagen eilig aus dem Staub

und gebe zu, ich bin ein Flop -

gelobe, mich zu bessern – s t o p –

 

 

PS: Ich sehe da ein Wolkenloch -

vielleicht erscheine ich ja doch!

 

 

 Die Einladung 

Begonnen hat diese Geschichte  in der Neujahrsnacht vor fünf Jahren, als sich die höflichen Schillers vom Ehepaar Marder nach der gemeinsamen Silvesterfeier mit den unüberlegten Worten verabschiedeten:

Das nächste Mal sind wir dran…

Zu Hause angekommen nahm Herr Schiller in der Nacht noch den Familienterminkalender zur Hand und vermerkte in einer neu eingerichteten  Spalte Sankt-Nimmerleins-Tag: Silvestereinladung an Marders

Seine Frau Marie schaute ihm über die Schulter und setzte entschlossen noch zwei Ausrufungszeichen dahinter.  Damit es ganz klar ist!!                                           Mehr ist über den Ablauf dieser Feier, zu der die ehemaligen Nachbarn Marders eingeladen hatten, nicht zu erfahren.

In der Zwischenzeit sind fast fünf Jahre vergangen.

Der mittlerweile pensionierte Dr. Schiller lebt mit seiner Frau Marie seit Jahrzehnten in einer ruhigen Reihenhaussiedlung am nördlichen Rande Düsseldorfs. Seinen verstorbenen Eltern dankt er noch heute, dass sie ihn nicht Friedrich genannt haben. Das habe überhaupt nicht zur Debatte gestanden, erzählte sein Vater oft, denn seine Mutter,  die angehende Braut, habe vor der Verlobung zu ihm gesagt:

"Eines solltest du wissen, ehe wir heiraten, meine große  Mädchenliebe gehörte dem Dichter Fontane, und sollte aus der Zweitliebe zu dir, lieber Schiller, ein Sohn geboren werden, wird er Theodor heißen, das ist eine Bedingung, keine Bitte. Noch könne er zurück!" 

Im Gegenteil, habe sein Vater gelacht  und die zukünftige Mutter geküsst, das Projekt vertrüge keinen Aufschub und würde gleich nach den Hochzeitsfeierlichkeiten in Angriff genommen. Die Versuchsreihe erstreckte sich über vier Jahre, bescherte dem Ehepaar Schiller nach zwei Töchtern endlich den ersehnten Theodor, der als beliebter Deutschlehrer an einem Düsseldorfer Gymnasium das Herz der bildschönen Referendarin Marie gewann. Ihre Kinder leben mit ihren Familien über ganz Deutschland verstreut und werden wie immer nur zum Weihnachtsfest erwartet. Danach sehen ihre Eltern Theodor und Marie entspannt einem ruhigen familienfreien Jahreswechsel entgegen. Die vor fünf Jahren ausgesprochene Einladung an Marders ist längst ins Vergessen geraten.

Damit könnte die Angelegenheit eigentlich abgeschlossen sein, doch als Marie Schiller beschließt, die  letzten Weihnachtsgeschenke in Düsseldorf zu besorgen und auch Frau Marder dort mit dem gleichen Vorhaben unterwegs ist, lässt die Geschichte beide Damen zur selben Zeit auf ein großes Kaufhaus zusteuern und nach fünf Jahren ohne Vorwarnung aufeinanderprallen. 

„Ich habe gestern noch zu meinem Mann gesagt“, Frau Marder hält nichts von Diplomatie und langen Vorreden, „von Schillers haben wir seit der Silvesterfeier bei uns  nichts mehr gehört, aus dem Auge aus dem Sinn, nennt man das wohl!“ Sie schaut ihr Gegenüber herausfordernd an. Marie setzt ein bühnenreifes Frau-zu-Frau- Lächeln auf und enthüllt die scheinbar unentschuldbare Saumseligkeit der Schillers im Umgang mit dieser wichtigen Einladung: „Dass wir uns heute treffen, muss eine Fügung sein, liebe Frau Marder.  Noch unlängst meinte mein Mann, es stehe immer noch die Gegeneinladung an Marders in unserem Terminkalender, die wir nicht vergessen sollten. Es dürfe nicht sein, dass unsere ehemaligen Nachbarn auf den Gedanken kommen könnten, wir wollten nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Aber wir Frauen wissen ja, wie das so ist mit den Vorsätzen und der persönlichen Trägheit …“

Frau Marder erkennt eine Steilvorlage und nutzt sie sofort: „Da machen wir doch gleich mal Nägel mit Köpfen und überraschen unsere Männer – vorausgesetzt, Sie und ihr Gatte haben noch nichts vor – und beschließen, dass wir uns in diesem Jahr bei Ihnen zum Feiern zusammentun.“ Die Marderfalle schnappt zu.

Rat mal, wen ich getroffen habe, sagt Frau Marder und schildert ihrem Ehemann triumphierend den Verlauf  des erfolgreichen Überfalls. Endlich hat es geklappt mit der Einladung. Über die Uhrzeit werden wir uns noch verständigen.

Als Marie Schiller am Abend von ihrer Niederlage berichtet,  schmunzelt ihr Theodor:

Der Sankt Nimmerlein scheint ein recht eitler Heiliger zu sein, er hat sich in Erinnerung gebracht, weil er vielleicht davon ausgeht, dass wir auch  ihn vergessen haben. Jetzt sind wir also dran, Marie, es sei denn…

Und das von Theodor Schiller ein wenig nachdenklich geäußerte „es sei denn…“ gibt der Geschichte die Gelegenheit, eine völlig unerwartete Wendung zu nehmen:

Theodor Schiller wird sich anschließend an seinen Schreibtisch setzen und folgendes zu Papier bringen:

 

 

Sehr geehrter Herr Marder,

wir beide, Sie und ich, haben gerade von unseren  Ehefrauen erfahren, dass die vor fünf Jahren bei uns angedachte Feier dieses Jahr am 31. Dezember in die Tat umgesetzt werden soll.

Gleich nach dem Besuch bei Ihnen hatte ich damals als Datum für unsere Gegeneinladung den Sankt-Nimmerleins-Tag im Terminkalender vermerkt. Sie werden verstehen, dass eine so kurzfristige Verlegung  auf den diesjährigen Silvestertag überraschend kommt, da der Sankt-Nimmerleins-Tag seit fünf Jahren fest für die Einladung an Sie vorgesehen und für andere Unternehmungen blockiert ist.

Wir werden es unseren besseren Ehehälften nachsehen, dass sie, ohne uns zu fragen, so spontan und  in guter Absicht gehandelt haben. Ich darf nochmals versichern, am Sankt-Nimmerleins-Tag werden wir Sie mit Freuden empfangen.

Mit herzlichen Grüßen, auch an Ihre verehrte Gattin,

Ihr Theodor Schiller 

 

Herr Marder versteht, Frau Marder rast.

In der Neujahrsnacht zitiert Theodor Schiller - in Anlehnung  an seinen berühmten Namensvetter:

 

Gefährlich ist's, den Leu zu wecken, verderblich ist des Tigers Zahn;
jedoch der schrecklichste der Schrecken:
F r a u
  M a r d e r  i s t ’ s  i n  i h r e m   W a h n

 

Danach erhebt er sein Glas und lächelt: „ Auf dich, Marie, und unsern lieben Freund Sankt Nimmerlein, dessen Tag wir feierlich auf den 32. Dezember festlegen, damit er von nun an weiß, wann wir seiner stets gedenken werden. Und damit soll diese  Geschichte – was uns drei betrifft – an  ihr  friedliches  Ende gekommen sein.

                                                                                    © Ursula Kühn 12/2014