Ich heiße Cornelia Poser und wohne in Hannover

 


Cornelia Poser

und bin gebürtige Hamburgerin. Nach dem Abitur war Berlin vierzig Jahre lang mein Lebensmittelpunkt. Im Herbst 2015 zog ich in das etwas beschaulichere Hannover und fühle mich dort in Linden ausgesprochen wohl.


Ich schreibe seit sehr vielen Jahren, zunächst Prosa, vor allem Kurzgeschichten, in den vergangenen Jahren aber auch verstärkt Lyrik. Hier liegt auch meine derzeitige schriftstellerische Vorliebe.


Foto: Wolfgang Nieschalk

Beachten Sie bitte untenstehend einige meiner Kurzprosa und Lyrik.


Cornelia Poser

 

Altes Paar

In traurigschöner Zweisamkeit

steh‘n dort in einer Truhe,

seit fast schon lebenslanger Zeit

zwei ausrangierte Schuhe.

Einst war‘n sie ein graziöses Paar

in einem Schuhkaufhaus,

ein Mädchen, das grad siebzehn war

trug sie zum Tanz hinaus.

Sie schwebten strahlend manche Nacht

und noch am Morgen weiter.

Musik hat selig sie gemacht,

und alles war so heiter.

Die Schuhe tanzten tiefbeglückt

durch manches Lebensjahr,

bis sie durchlöchert und zerdrückt

und wirklich unbrauchbar.

Man tat sie in die Truh‘ hinein

und schloss den Deckel zu.

Da steh‘n sie nun zu zweit allein

und haben ihre Ruh.

Nur manchmal strahlt ein Licht um sie

Musik klingt leis‘ im Raum,

und wenn wir lauschen hören wir

den fernen Jugendtraum.

Seit fast schon lebenslanger Zeit

stehn sie dort in der Truhe

vertraut ergraut in Zweisamkeit,

die ausrangierten Schuhe. 


Cornelia Poser


Kyrill

Die Erde verschluckt meinen ICE. In vier Minuten komme ich an, in der Hauptstadt. Es ist der

achtzehnte Januar. Donnerstagabend zehn Uhr und ich fast pünktlich. Draußen tobt ein Sturm. Kyrill

nennen die Medien ihn. Selten habe es einen ähnlichen gegeben. Nun rase ich unterirdisch weiter und

bin sicher. Über mir die stöhnende Stadt und in ihr das Gelände des im zweiten Weltkrieg zerstörten

und vor Kurzem wieder erstandenen Neubau des Hauptbahnhofes. Ich kenne ihn noch nicht.

Wann war ich das letzte Mal hier? In Berlin? Bei dir? Ich glaube im Mai...

Vor Stunden kam die Orkanwarnung.

Nur noch vier Kilometer im Luxustunnel unterm Landwehrkanal. Die ausgelegte Broschüre schreibt:

Festbeleuchtung rund um die Uhr. Laufstege für den Katastrophenfall. Akribisch ausgeführte

Verschalungen. Deckenstromschienen und Gleise auf elastischen Lagern ruhend.

Schwingungsdämpfung für bremsende und anfahrende Züge.

Wirst du da sein? Wirst Du mich abholen? Du weißt doch, wann ich ankomme!

Kreischen! Halt. Wo bin ich? Potsdamer Platz, historischer Ort. Gleißendes Neonlicht, gefroren Zeit.

Dann wieder Gleiten ohne spürbaren Beginn. Ich stehe an der Waggontür. Mantelkragen

hochgeschlagen. Stirn an die frostige Scheibe gepresst.

Dabei ist es über Null Grad und ich sehne mich nach deinem Kuss. Wir gleiten durch Neonlicht. Gibt

es überhaupt noch eine Übererde? Und welche Windgeschwindigkeit herrscht dort gerade?

Der Lautsprecher im Zug knarrt Anschlussmöglichkeiten: Rostock, Moskau, Hamburg, Belzig, Gleis

sechzehn Ebene fünf, Gleis zwei Ebene eins...Gleis... Die Stimme bricht ab. Knacken, Knistern und

tot. Weißes Kreischen, gelbes Licht und plötzlich ruckartiges Halten. Ich bin da. Berlin Hauptbahnhof.

Und du? Ob du wohl hier bist, auf mich wartest, mich gleich in Deine Arme nimmst und durch den

Sturm zu Dir nach Hause führst?

Es gibt keine Griffe an den Waggontüren. Warum? Pressluft zischt. Lautloses seitliches Gleiten, sehr

glatt und zügig. Von hinten drängen Koffer und Leiber. Geruch von nassen Mänteln kriecht über

meinen Rücken und lässt meine Nackenhaar frieren. Was ist los da vorn? Warum geht es nicht

weiter? Endlich spuckt der Zug seinen Inhalt aus. Ich falle auf Stein, rapple mich wieder hoch.

Ich sehe dich nicht. Um mich sind so viele. Alle stolpern irgendwie. Wollen weg. Wo bist Du?

Natürlich, wie sollst du mich da auch finden? Suchst du mich überhaupt?

Willkommen in Berlin Hauptbahnhof! Ja ja, ich weiß, alles gelesen. Filigran transparente Glas-

Hallenkonstruktion. Bietet Tageslicht und freundliche Atmosphäre auf allen Ebenen.

Achtung, wir bitten um Aufmerksamkeit!

Imposantes Beispiel modernen Bahnhofbaus. Achtung! Rolltreppen. Vierundfünfzig insgesamt.

Dreiundvierzig Fahrstühle und sechs Panorama-Aufzüge. Verbindung zwischen den Ebenen.

Wir bitten um Aufmerksamkeit!

Täglich dreihundertzweiundsechzig Regionalzüge, im zweiten Obergeschoss, Ebene fünf, in Planung

eine U-Bahnlinie für die Kanzlerin. Zweihundertsechzig Fernzüge, über sechshundert S-Bahnen.

Macht zusammen mehr als eintausendzweihundert Züge am Tag. Achtung!

Muss man sich mal vorstellen! Musst du dir mal vorstellen! Gigantisch! Einkaufszentren auf

fünfzehntausend Quadratmetern.

Ich bin von Süden gekommen, stehe und warte auf Bahnsteig eins, Ebene Minuszwei. Und du? Auf

welcher Ebene bist du? Wir haben uns doch sonst immer gefunden. Oder hast du dich gar nicht erst

auf den Weg gemacht?

Achtung, wir bitten um Aufmerksamkeit!

Ich werde geschoben. Zu Hunderten stehen wir plötzlich vor einem dieser Panoramaaufzüge.

Rundumblick auch nach oben. Wolkenfetzen jagen überm Glasdach. Kyrill! Von hinten drängen sie

nach.

Aber da, zwei liegen sich in den Armen, haben sich gefunden. Wir sind das nicht! Auch auf dem Handy

heute keine Nachricht von dir. Immer wieder habe ich geschaut. Und jetzt auch. Aber hier unten ist

kein Empfang. Ja, natürlich verstehe ich das. Ich verstehe das.

Achtung! Begeben Sie sich zum Ausgang!

Ich gleite mit dem Strom der Nichtgesuchten oder Nichtgefundenen in der Glasröhre nach oben.

Erstes Untergeschoss, links weiter, Erdgeschoss, Ebene Null. Aussteigen! Achtung, verlassen Sie das

Gebäude! Ich versuche stehen zu bleiben. Will nur kurz durchatmen! Graue Körper ziehen rechts und

links an mir vorbei. Gesichtslos. Woher? Wohin?

Achtung! Verlassen Sie sofort das Gebäude und begeben sich auf den Vorplatz! Es besteht keine

Gefahr! Keine Einsturzgefahr!

Das Glasdach des Bahnhofs wurde nicht durchschlagen! Der sich lösende Eisenträger wurde

stabilisiert. Verlassen Sie sofort das Gebäude!

Die Einweihung des Bahnhofs war doch erst im letzten Mai. Weißt du noch? Das haben wir bei mir im

Fernsehen gesehen. Wo ist denn dieser Vorplatz? Und wo bist du? Und warum friere ich so?

Verlassen Sie... verlassen Sie sofort das Gebäude!

Ich haste vorbei an Backstationen, Geschenkeläden, Handyshops, Sushi, Restaurants, Presseshops,

Bratwurst, Blumen, alles geöffnet rund um die Uhr. Keine Einsturzgefahr! Eisenträger wurde

stabilisiert. Niemand wurde verletzt! Verlassen Sie das Gebäude!

Da hinten, endlich der Ausgang. Weit geöffnete Glastore!

Verlassen sie das Gebäude! Verlassen Sie...

Kurz darauf stehe ich auf dem Vorplatz und höre meine Zähne aufeinander schlagen. Kyrill jagt jetzt

auch durch meinen Brustkorb und mein Herz schlägt wild um sich. Über mir rast ein schwarzes

Wolkeninferno. Zorniger Stadtgott. Neonlichter blenden. Blitze zucken. Wasser läuft aus meinen

Augen.

Ich drehe mich um und bahne mir einen Weg durch Rollkoffer und aufgewühlten Körper zum

Taxistand.

Zwei weiße Wagen stehen noch da. Ich öffne die hintere Tür des einen. Sofort reißt der Wind sie mir

aus der Hand, schlägt sie weit auf. Ich lasse mich auf den Sitz fallen. Mit aller Kraft ziehe ich die Tür

zu, bis sie endlich einrastet.

Stille. - - - Stille.

Nur aus dem Autoradio vorn beim Fahrer fließt sanfte Musik. Der schwarze Ledersitz ist weich und

warm. Am Steuer sitzt ein dicker Mann mit Schirmmütze.

„Na, wat ham SIE denn fürn Wetta mitjebracht!“

Und dreht sich wieder nach vorn. Ich starre in das fettige Zöpfchen an seinem Hinterkopf.

Der Zündschlüssel knackt leise, dann surrt der Motor und der Wagen rollt los.

„Und wo sollet hinjehn?“

Was hat er gefragt?

Ich höre mich sagen: 


„Keine Ahnung! Auf jeden Fall weg von hier!“